Montag 16.6.
Über Nacht hat sich die angesagte Wetterveränderung durchgesetzt: eine stramme Westströmung hat die schwüle Luft des Vortrags vertrieben und über Helgenæs wölbt sich ein blauer Himmel mit zahlreichen kleinen, harmlosen Cumuluswolken.
Unten an der Südspitze der Halbinsel habe ich die Nacht auf einem wunderschön gelegenen Shelterplatz verbracht – wieder einmal völlig alleine.

Natürlich habe ich auch hier mitten in der Wildnis perfekten Empfang mit meinem Handy und quasi ohne aufzustehen kann ich die Windsituation checken: das Fluggebiet auf Helgenæs liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zum Leuchtturm Sletterhage, auf dem der staatlichen meteorologische Dienst eine Wetterstation betreibt.

6 Beaufort, Böen 7 aus Nordwest. Da kann ich mir Zeit lassen, das ist wieder einmal deutlich zu viel Wind für Sissy und mich. Aber die Prognosen sind günstig: ab dem Mittag soll der Wind für 2 bis 3 Stunden etwas nachlassen und auf West drehen. Mittlerweile habe ich Vertrauen gewonnen in die Prognosen der Dänen. Wenn ich wieder zu Hause bin muss ich unbedingt herausfinden, ob sie ein eigenes Wettermodell rechnen oder auf das Modell der Norweger aufsetzen – die beiden Vorhersagemodelle liegen jedenfalls immer sehr dicht beieinander und sind im Zeitfenster bis 36 Stunden voraus sehr zuverlässig.
Natürlich will ich gerne fliegen hier an der Küste – deswegen bin ich ja hierher geradelt. Aber die Landschaft lädt auch zu ausgedehnten Erkundungstouren durch die Wälder, Heide und entlang der Steilküsten ein.

Die Wartezeit bis das Flugfenster aufgeht ist also keinesfalls langweilig!
Mittags wird es dann langsam Zeit für einen Spaziergang zum Startplatz an der Westküste von Helgenæs bei Ørby. Noch ist ein wenig Parawaiting angesagt – der Wind ist noch zu stark, auch wenn er schon deutlich nachgelassen hat.

Ich kann in Ruhe meine Optionen für den Start durchgehen: oben am Rand der Steilküste beginnt unmittelbar ein Rapsfeld und außerdem weht es da oben sicherlich viel zu heftig – aber ca 10 m tiefer gibt es eine geneigte Wiesenfläche, groß genug zum Auslegen des Schirms und zur Not ist hier auch ein Startabbruch noch gefahrlos möglich.
Sorgfältig mach ich mich fertig für meinen Flug auf Helgenæs – ganz besondere Aufmerksamkeit gilt allen Leinen von Sissy, damit nichts verhakt ist, nichts verdreht und der Schirm sofort nach dem Hochziehen ohne weiteres Rumgefummel flugbereit ist. Warum gerade hier diese Vorsicht? Der Startplatz ist relativ steil und der Wind immer noch stark: ich muss damit rechnen, dass mich Sissy sofort in die Luft hebt, wenn der Schirm nach dem Aufziehen über mich steigt. Und so ist es dann auch. Kaum fängt die Kappe den Aufwind ein geht es auch schon im schnellen Aufzug nach oben… und leicht rückwärts! Hurtig die Bremsen komplett freigegeben, den Beschleuniger mit dem linken Fuß angeln, durchtreten und nach vorne zur See hin von der Kante wegfliegen. Dort ist die Luft ruhiger.


Start geglückt, jetzt kann ich entspannen und die idyllische Landschaft im der Aalborg Bugt aus der Luft genießen. Cool !!! Und ganz breites Grinsen im Gesicht.

Das theoretische Durchspielen des Startablaufs vor dem eigentlichen Start hilft mir sehr, mich auf die Situation vorzubereiten. Dazu gehört auch, einen Plan B im Kopf zu haben, wenn Plan A in die Hose geht.
Den Rest des Tages verbringe ich mit Chillen am Strand und Planung des nächsten Tages. Wenn ich gaaaanz viel Glück hab fliegt es morgen früh noch einmal in Helgenæs. Ich bleibe hier! Die Schubkarotte hat Pause….und meine etwas schweren Beine auch.