Ich probier’s mal mit Gemütlichkeit am Tag 11

Heute ist Sonntag, Muttertag noch dazu, da soll’s gemütlich zugehen. Die nächsten beiden Tage wird es für mich an der Westküste Jütlands keinen Fliegewind geben, allerdings sind die Prognosen für Dienstag wieder seeeeehr vielversprechend.

Da will ich am Bovbjerg Fyr in der Nähe von Lemvig sein. Bis dahin sind es auf dem kürzesten Weg bummelige 70 Radwegkilometer, das sollte in zwei Tagen machbar sein. Ich beschließe deswegen, an diesem wunderschönen Frühlingsmuttertagssonntag einen kleinen Umweg über Ringkobing, eine der ältesten Städte Dänemarks, zu machen. Aber der Reihe nach!


Der Tesla als Campervan
Vergangene Nacht parkten neben meinem Zelt ein Tesla und ein riesiger zum Camper umgebauter Kastenwagen. Dazu gehörten zwei Paare aus Passau. Naiv wie ich war dachte ich, dass die alle vier in dem Riesen Camper schlafen – aber nix da: heute früh ging plötzlich die Tür des Tesla auf und einer der Bewohner kletterte noch etwas schlaftrunken aus der Limousine. Er deutete meinen offenstehenden Mund richtig und begann sofort mit der Erklärung: Mit umgeklappter Rückbank habe er eine Liegefläche von 1,2 x 2,2 m, dicke passgenaue Matratze dazu, feinste Daunendecken und die über den Bordakku betriebene Klimaanlage läuft die ganze Nacht und hält den Tesla-Camper auf angenehm trockenen Raumklima bei 20 Grad. Kostet ca 5% der Akkuladung. So wird heute gecampt!


Ich dagegen wurschtel mein vom Tau der Nacht klatschnasses Zelt in den Packsack und mach mich reisefertig.

Entlang des Ringkobingfjords geht’s nach dem gleichnamigem Städtchen mit kleinem Fischerhafen und schmucker kleiner Altstadt.

Auf dem weiteren Weg Richtung Norden gab’s dann was Seltenes: Rückenwind, und dazu herrlich nach Frühling duftende warme Luft. Kein Gegenwind, der in den Ohren brüllt. Jetzt ist die Zeit gekommen für Stöpsel im Ohr und feine Musik in die Gehörgänge.
“Wenn ich mit meinem Fahrrad fahr, ist das das Optimale, und lüftet die Sandale” singt mir Max Rabe in’s Ohr während die Schubkarotte ganz lässig mit 25km/h durch Westjütland rollt.

Zum Mittag mach ich Halt an der Kirche von Stadil Kirkeby, an deren Südseite ich auf einer gemütliche Sitzbank mit Blick auf den Stadil Fjord vor mich hin brate. Nur wenige Kilometer weiter bin ich wieder in Vester Husby – ja genau, jenem Husby, in dem ich vor zwei Tagen Fliegen war. Man lässt ja Nichts unversucht und ich schaue vorsichtshalber an den Strand, ob es nicht vielleicht doch fliegt heute. Tut es aber nicht – beinah windstill ist es und herrlich warm.

Westjütland – die Wiege der modernen Windkraftanlagen
Während ich am Strandübergang sitze und überlege, wo ich heute Nacht schlafen will, mache ich die Bekanntschaft mit Karin. Sie erzählt, dass sie in den 1970′ er Jahren nur wenige Kilometer entfernt bei Ulfborg zusammen mit Freiwilligen die damals größte Windkraftanlage der Welt mit einer Nabenhöhe von 54 m gebaut hat. Die Achse, auf der der Rotor sitzt, war eine ausgediente Schraubenwelle aus dem Schiffbau, als Generator kam ein Antriebsmotor aus einer schwedischen Papiermühle zum Einsatz. Was für ein Projekt! Hier gibt’s mehr Infos dazu: https://www.tvindkraft.dk/

Die Anlage hat allerdings einen Designfehler: der Rotor läuft nicht wie bei modernen Windkraftanlage mit der Nase in den Wind, sondern er wird sozusagen rückwärts angeblasen. Das führte dazu, dass die Rotorblätter starken Vibrationen ausgesetzt waren, denn bei jedem Umlauf mussten sie durch den turbulenten Windschatten des Turmes laufen. Dadurch konnte die Anlage nur mit relativ geringen Drehzahlen und eingeschränkter Leistung betrieben werden. Nur ca 30 km weiter südlich in Lem ist die Geburtsstätte des bekannten Windturbinenbauers Vestas. Dessen Ingenieure haben sich die Anlage bei Ulfborg wohl genau angeguckt und das Konzept verbessert. Nun haben die Windmühlen die Nase wieder im Wind. Das haben die Holländer vor vielen hundert Jahren aber auch schon gewusst.


Übernachtet wird heute auf einem wieder ‘mal mega idyllischen Shelterplatz in der Dünenlandschaft bei Vester Husby. Auf dem Weg dahin gibt’s dann einen kurzen Überraschungsmoment. Beim Abbiegen gerät das Vorderrad der Schubkarotte in weichen Sand und rutscht weg. Da liegt der Bock samt Fahrer im Sand.

Aufstehen, Krönchen richten und weiter geht’s durch die Heide und Dünenlandschaft.

Heute Nacht hab ich zum aller ersten Mal Gesellschaft von anderen Tourenradlern. Sabine und Lars sind ebenfalls auf der Westküstenroute unterwegs. Platz ist genug für uns auf dem tollen Platz am See!

Während ich diese Zeilen schreibe geht vor meinem Shelter das Licht aus, absolute Stille um mich herum, nur ab und zu ruft ein Kuckuck oder ein Frosch quakt. Schöner kann eine Nacht im Freien nicht sein. Gute Nacht!