Heute wird geflogen

So ist zumindest der Plan…

Achtung: viel Text 😜

Morgens, noch im warmen Schlafsack liegend, checke ich die Wettervorhersage und die aktuellen Windmessdaten. Uiuiui – die Wettervorhersage ist immer noch gut, Wind aus Westnordwest mit etwas über 20 km/h, leicht zunehmend, bei bedecktem Himmel und 10 Grad. Aber die nächstliegende Windstation zeigt schon deutlich stärkeren Wind an. Egal! Die Erfahrung hat gezeigt, dass man immer an den Strand und selber schauen muss, wie die Bedingungen sind. Wer nur Ferndiagnose per Internet macht kommt nie in die Luft!

Erstmal lecker Frühstück und einen warmen Kaffee in den Bauch und dann geht’s los. Eigentlich könnte ich direkt außerhalb von Sondervig an den Strand und dort auch Fliegen gehen. Ich entscheide mich aber anders: Ca 18 km weiter nördlich gibt es in Husby einen offiziellen Startplatz und ich hoffe, dort auf andere Piloten zu treffen. Einer spielt immer den Dummy und dann sieht man recht schnell, ob es fliegbar ist. Also ab auf den Bock und in die Pedale treten.

Als ich auf Husby zu rolle kann ich schon den ersten Gleitschirm über der Düne erkennen – es geht also. Nur, der Schirm den ich sehe, macht kaum Fahrt gegen den Wind, steht quasi in der Luft – es weht also tatsächlich deutlich stärker als vorhergesagt. Am Strand angekommen sehe ich ein halbes Dutzend Piloten im Windschatten der alten Bunker und wir kommen schnell in’s Gespräch. Lokale Piloten mit Ortskenntnissen sind leider nicht dabei, dafür zwei sehr gesellige Schweizer Best-Ager, also so ca in meinem Alter, und ein supernettes junges Paar aus dem Allgäu, Janina und Simon.

Markus, einer der beiden Schweizer, ist der Pilot, den ich in der Luft gesehen habe. Er flog mit seinem “normalen” Gleitschirm und meinte, es würde schon gehen, aber nicht besonders viel Spaß machen, weil der Wind sehr böig sei. Er ist langjähriger Pilot und Tandem-Pilot und so vertraue ich seiner Einschätzung. Also Auspacken und flugfertig machen!

Mein Grundsatz bei starkem Wind ist allerdings, dass ich immer erst am Strand ein paar Minuten mit dem aufgezogenen Schirm über und neben mir herumturne – Power Groundhandling – um das Gefühl für den Wind im ungefährlichen Strandbereich zu erarbeiten und auch zu prüfen, ob ich mental fit genug für s Abheben bin. Es funktioniert gut, ich habe die Sissy gut unter Kontrolle, und so wage ich mich Stück für Stück näher an den Dünenfuss in den Bereich, wo sich das Aufwindband bildet. Wenig überraschend spür ich schon einige Meter vor der Düne, wie Sissy fliegen will: die Startentscheidung ist gefallen, ich mach 2, 3 zügige Schritte und heb noch am flachen Strand ab. Schon trägt es mich nach oben – schnell fasse ich mit meinem linken Fuß den Trimmer, das Gaspedal des Gleitschirms, und Sissy beschleunigt gegen den Wind und bringt mich nach Vorne über den Strand in die Zone, wo der Aufwind nicht zu stark ist und ich keine Gefahr laufe, rückwärts über die Düne weggeblasen zu werden.

Mit einem breiten aber hochkonzentrierten Grinsen im Gesicht erkunde ich mein Flugrevier aus der Luft.

Bei ca 30 km/h Mittelwind und Böen bis über 40 flieg ich am oberen Limit, das ich mir setzte. Bei diesem Wind habe ich immer noch eine ausreichende Sicherheitsreserve, aber ich muss aufmerksam fliegen, regelmäßig die Wasseroberfläche auf Anzeichen zunehmenden Windes absuchen und aufpassen, dass ich keine groben Fehler mache. Aber Spaß macht es halt schon, mit dem Flügel die Kraft des Windes spielerisch auszunutzen.

Eigentlich ist das heute aber ein Tag für kleinere Schirme, Miniwings oder Parakites wie z.B. ein Flare Moustache. Die haben im Zweifel einfach die größere Geschwindigkeitsreserve. Und tatsächlich bin ich heute der einzige mit normalem Gleitschirm, alle anderen fliegen mit dem Moustache oder ähnlichen Geräten.

Kilometerlange Dünen in Husby aus der Möwenperspektive. Vorne Links am Strand ein Pilot mit einem Schnurrbärtchen, dem Flare Moustache.

Kurzer Exkurs, warum ich nicht mit einem Parakite unterwegs bin: Mir sind die Dinger zu schnell. Die enorme Geschwindigkeitsreserve verleitet dazu, bei noch stärkerem Wind fliegen zu gehen. Mehr Wind heißt mehr Geschwindigkeit und die Energie,die das System aufnimmt, wächst im Quadrat mit der Geschwindigkeit. Wenn ich einen Flugfehler mache und in die Düne einschlage, dann wird diese Energie in Verformung meines Körpers umgesetzt – und darauf hab ich keine Lust. Ich fass die Dinger nicht an. Noch am Abend konnten wir live erleben, wie ein Pilot mit einem Parakite in die Düne einbombte. Er hat mega mega Glück gehabt und außer einer Schnittverletzung keine weiteren Schäden davongetragen – außer wahrscheinlich ein beschädigtes Selbstbewusstsein. Aber das ist auch gut, denn Demut vor dem Wind und seiner Kraft sind ein guter Schutz beim Küstenfliegen.

Nach ca 4 Stunden Airtime packe ich durchgefroren meine Ausrüstung wieder zusammen, noch ein unterhaltsamer Klönschnack mit Morten-endlich mal eine Däne-, und dann geht’s mit dem Radel wieder 18 km zurück zu meinem Zelt.

Ich beschliesse, zur Feier dieses gelungen Flugtages Essen zu gehen und lass den Tag sehr gemütlich ausklingen.

Ich komme mir fast schon vor wie beim Glamping, als ich mich auf dem Campingplatz im gemütlich warmen Aufenthaltsraum auf das Sofa plumpsen lasse.