Ich will zurück nach Hamburg um meine Frau zu unterstützen – soviel ist klar. Wichtig ist mir aber auch, dass es nur eine Unterbrechung meiner Reise und nicht deren Ende sein wird. Daher wird es nur mit leichtem Gepäck nach Hause gehen – die Schubkarotte mit meiner Flug- und Campingausrüstung soll irgendwo im Norden Dänemarks untergestellt werden und auf mich warten.
Mein Plan ist, in den nächsten 1,5 Tagen die gut 100 km nach Aalborg zu radeln, dort irgendwo eine Unterstellmöglichkeit für mein Bike zu finden und mit der Bahn nach Hamburg zu reisen. Aber bevor ich mich heute Mittag auf den Weg mache, möchte ich einen letzten Flug im Morgenlicht in dem mittlerweile gut bekannten Flugrevier in Hamborg/Hanstholm machen.
Die Wind- und Wettervorhersage ist bis zum Mittag wie geschaffen für dieses Vorhaben. Ich darf mit strahlendem Sonnenschein und sehr ruhigen Flugbedingungen bei kaum böigen Bodenwind zwischen 20 und 25 km/h rechnen. Kurz nach 8 Uhr breite ich die Flügel aus. Das Meer glitzert golden in der Morgensonne und der Wind bläst so gleichmäßig, dass ich mich in meinem Gurtzeug fühle wie in einem am Boden festgeschraubten gemütlichen Sessel. Was für ein Geschenk zum Abschied!

Wenig später gesellt sich Carsten zu mir und nach und nach folgen weitere Pilotinnen und Piloten, die auch diese traumhaften Bedingungen genießen wollen.
Sissy trägt mich an diesem Tag in bisher an dieser Kante unerreichte (oder unerwünschte) Höhen. In maximal 145 m über dem Meerespiegel, ziemlich genau 100 m über dem Startplatz, tummeln sich keine anderen Pilotinnen und es ist genügend Platz für Spielereien. Mit dieser Höhe und bei diesen ruhigen Windbedingungen kann ich gefahrlos gegen den Wind über das Meer hinaus fliegen und mich in mehreren Vollkreisen zur Hangkante zurücktragen lassen.

Endlos könnte ich dieses Spiel treiben und in der Luft herum hängen. Ich habe aber noch anderes vor heute und geh Landen. Die Schubkarotte steht schon fertig gepackt auf dem Campingplatz, bis spätestens 11 Uhr muss ich auschecken. Aus einer Laune heraus frage ich an der Rezeption, ob sie auf dem Gelände die Möglichkeit hätten, mein Fahrrad mit Gepäck für 2 bis 3 Wochen geschützt unterzustellen. Und siehe da, nach etwas Diskussion um Haftung etc findet sich ein Weg. Der supernette Eigner des Platzes versteht meine Situation und macht möglich, was ich mir wünsche: Er sagt mir zu, mein Fahrrad einzulagern. Noch ein Geschenk zum Montagmorgen! Ich beschließe, heute noch auf dem Platz zu bleiben, mich um den Rückweg von Hamborg nach Hamburg zu kümmern und ansonsten noch den wunderschönen Tag an der Küste zu genießen.

Und es kommt noch besser: Ich erzähle Carsten von meinem Plan worauf er sagte, dass er am morgigen Dienstag ohnehin mit seinem Camper über Hamburg in die Mitte Deutschlands fahren möchte. Ich könne gerne mit ihm mitfahren. Allerdings wird er sich noch das Fluggelände am Bovbjerg Fyr anschauen und dort nach Möglichkeit auch noch einen Flug machen wollen. Da ich das Gelände und weitere Flugmöglichkeiten in der Umgebung ja bereits kenne, werden wir uns schnell einig: Ich werde mit ihm mitfahren und auf dem Weg zeige ich ihm die Startplätze an der Westküste Jütlands. So hat sich meine Rückfahrt nach Hamburg also auch schon geklärt! Das dritte Geschenk heute früh.
Ich habe jetzt Zeit und Ruhe. Zum Fliegen ist der Wind mittlerweile zu schwach, aber für ein wenig Groundhandling weht es noch ausreichend und so trainiere ich noch etwas mein Schirmgefühl am Boden.

Zum Abend setze ich mich noch ‘mal auf die Schubkarotte und mach eine kleine Radtour rund um Hanstholm. Ich möchte für mich einen schönen Abschluss dieser ersten Phase meiner Reise finden – dazu gehört einfach eine Fahrt auf meinem Rad, das mich hierher gebracht hat. Und ebenso gehört dazu ein Abendessen in passendem schlichten Ambiente: Im Hafen von Hanstholm bestell ich mir im “Færgegrillen” Fischfilet mit Pommes und Salat, dazu ein grosses kühles Tuborg.

Ja, das ist ein Moment des Abschieds – aber ich bin guter Dinge, dass ich in 2 bis 3 Wochen mein Abenteuer genau an dieser Stelle wieder aufnehmen kann.