Es geht was in Halk

Sonntag 22.6.

Sommerhitze in Mitteleuropa! Ganz Mitteleuropa! Nein – Halk, ein unbeugsamen Dörfchen in Südjütland widersetzt sich dem Glutofen mit einem sehr lebendigen Südostwind von der See der bis mittags die Temperaturen auf gemäßigtem Niveau hält. Und auch zum Fliegen ist dieses Lüftchen bestens geeignet 🪂

Es fliegt in Halk…

Die Wetterprognose verspricht vom frühen Vormittag bis in die frühen Nachmittagstunden feinsten Fliegewind aus Südost mit rund 20 km/h Windgeschwindigkeit. Schon während des Frühstücks erspähe ich die ersten an der Küste entlang soarenden Gleitschirme und eine leichte Unruhe breitet sich in mir aus: Ich will auch!

Eilig wird die Flugausrüstung auf der Schubkarotte verstaut, um die wenigen hundert Meter vom Campingplatz zum Startplatz zu rollen. Auweia – der zum Startplatz führende Feldweg ist schon völlig durch Campervan mit deutschen Kennzeichen zugeparkt. Alleine werde ich hier heute nicht sein, so viel steht schon ‘mal fest. Mit dem Fahrrad geht’s natürlich an den parkenden Fahrzeugen vorbei bis ganz nach vorne auf die Pole-Position.

Das Fluggelände bei Halk Strand liegt auf einem militärischen Schiessplatz und auch hier gibt es regelmäßig Zugangs- und Flugbeschränkungen. Aber zum Glück nicht heute – es ist Sonntag und der Zugang zum Gelände ist frei.

Am Startplatz oben an der Steilküste angekommen empfängt mich ein recht munteres Lüftchen und zudem eine große Anzahl von GleitschirmpilotInnen, die allerdings überwiegend keine Ambitionen zeigen, bald fliegen gehen zu wollen. In der Luft sind nur zwei, drei normale Gleitschirme zu sehen sowie einige wenige Miniwings und Flare Moustache.

Ich komme mit dänischen Piloten vom lokalen Gleitschirm Club Vingesus in’s Gespräch. Es stellt sich heraus, dass dies die Piloten sind, die ich während des Frühstücks so entspannt fliegen hab sehen. Sie haben ihre Flüge für heute beendet, da der Wind mittlerweile ziemlich aufgefrischt hat und zudem recht schräg auf der Kante steht. Keine optimalen Bedingungen mehr – ich messe einen Mittelwind von ca 30 km/h in Böen bis 40.

Der Start hier oben wird anspruchsvoll, nicht nur wegen des strammen Windes: 2 Piloten mit den schnellen kleinen Schirmen finden es wahnsinnig reizvoll, ihre Flugkünste mit hangnahen tiefen Überflügen direkt vor der am Startplatz lagernden großen Gruppe von Fliegern zu demonstrieren und kurven pausenlos vor der bei starkem Wind am besten geeigneten Startfläche hin und her… Ich ahne schon, dass es eine Herausforderung wird, einerseits meinen großen Gleitschirm bei diesen Bedingungen kontrolliert am Start zu haben und gleichzeitig die beiden Artisten im Auge zu behalten, damit ich denen nicht in ihren Flugweg hinein starte. Und irgendwie kommt dauernd einer der beiden angerauscht….auch genau in dem Moment, als Sissy flugbereit über mir steht und mich bereits vom Boden abgehoben hat. Zum Glück bin ich noch rückwärts zum Schirm hin eingedreht und kann Sissy das Fliegen durch kontrollierten Zug an der hinteren Leinenebene wieder abgewöhnen – sicher ist sicher.

Den Gleitschirm auch rückwärts eingedreht kontrollieren zu können hilft dabei, das Fluggerät beim Start bei starkem Wind besser unter Kontrolle zu behalten und ggf einen Startabbruch auch noch dann zu machen, wenn man bereits leicht vom Boden abgehoben wurde. (Sicherheitshinweis: Probier das niemals ohne solide Anleitung, z.B. in einem Sicherheitstraining, aus!)

Etwas genervt von dieser Situation packe ich meinen Schirm wieder zusammen – solange diese beiden Cracks hier noch am Schaulaufen sind werde ich hier nicht starten. Aber es gibt ja noch den Plan B, der zwar mit etwas Fußmarsch verbunden ist, aber dafür mit völlig entspannten Startverhältnissen lockt. Knapp 500 m weiter westlich wird die Steilküste immer niedriger und flacher und läuft in einer dünenartigen Landschaft aus. Hier kann ich meinen Gleitschirm völlig gefahrlos und unbehelligt von anderen Fliegern aufziehen, ein paar Meter den Hang hoch kiten und völlig entspannnt hinaus über die Ostsee schweben. Warum nicht gleich so…

Die Küste bei Halk Strand aus der Vogelperspektive…
… und vom Strand aus gesehen.

Im Laufe des Vormittags werden die Bedingungen wieder etwas ruhiger, der Wind flaut immer weiter ab und einige weitere Piloten und Pilotinnen reihen sich in die bunte Perlenkette über der Steilküste ein.

Gegen Mittag ist der Spaß dann allerdings vorbei – der Wind schläft beinahe ein und wir Gleitschirmflieger können uns nicht mehr in der Luft halten. Mir passt das eigentlich ganz gut in den Zeitplan – ich habe eine erlebnisreiche Zeit an der Küste von Halk genießen können und für 13 Uhr habe ich mich mit meinem Sohn Sebastian verabredet, denn wir wollen heute noch ein Stückchen weiter Richtung Süden radeln.

Etwas wehmütig packe ich meinen Gleitschirm in den Packsack: das wird definitiv der letzte Flug an Dänemarks Küsten und damit der letzte Flug dieser Reise gewesen sein. Für die nächsten Tage sind starke bis stürmische Winde aus West vorhergesagt – kein Flugwetter für mich und meine Sissy – und dann werde ich auch schon bald wieder die Grenze nach Deutschland überschreiten. Dort gilt: Küstenfliegen verboten (mit ganz wenigen Ausnahmen…)

Doch bis dahin liegen noch einige hoffentlich schöne Radelkilometer auf den Inseln der dänischen Südsee vor uns.

Heute geht es zunächst von Halk über Hejsager Strand und die Genner Bucht nach Aabenra. Dort schließt sich der erste Kreis meiner Reise – vor rund 50 Tagen bin ich schon einmal durch diese Kleinstadt gefahren – allerdings in die Gegenrichtung und voll Neugierde, was mich wohl in den nächsten Wochen erwarten wird. Und eines steht jetzt schon fest: meine Erwartungen wurden mehr als übertroffen!

Zu unserem Nachtlager am östlichen Ausgang des Aabenra Fjord sind es noch rund 15 Kilometer. Eigentlich hatten wir einen Shelter gebucht für diese Nacht, denn es sind für die Nacht Gewitter und für den nächsten Morgen anhaltender Regen vorhergesagt. Da ist ein Shelter komfortabler als mein kleines Zelt – allerdings nur dann, wenn es ihn auch wirklich gibt! Und dieser Shelter existiert leider nur auf der Website der dänischen Behörden und nicht in der Realität. Das ist aber auch wirklich das einzige Mal, dass ich auf fehlerhafte Daten auf der Website udinaturen.dk gestossen bin.

Also doch ab in’s Zelt – einen geeigneten kleinen Platz dafür finden wir, müssen ihn aber mit Peter und seinem Zelt teilen.

Die Abendstimmung genießen Sebastian und ich beim Abendessen am Strand. Die Wolkenstimmung kündigt den anstehende Wetterwechsel bereits an. Dieser heiße 22. Juni 2025 wird mit Blitz und Donner zu Ende gehen.