Der turbulente Tag 18

… ein lang geratener Tagebucheintrag mit etwas Flugpraxis für die Luftsportler im Mittelteil und am Schluss dann der Grund, warum ich meine Reisepläne ändere!

Für Sonntag den 18. Mai ist wieder kräftiger Nordostwind vorhergesagt – die Windrichtung ist im Prinzip super für einen Flug in Hamborg. Allerdings, wie die Tage zuvor auch schon, sollte es nur morgens nach Sonnenaufgang und abends vor Sonnenuntergang fliegbare Bedingungen geben. Dazwischen wird es zu kräftig wehen für mich und meine Sissy.

Mein Wecker steht also auf 6 Uhr! Das kleine Zeitfenster am Morgen will ich nicht ungenutzt lassen. Kaffee zum Aufwachen, kleines Frühstück und auf geht’s zum Strand.

Schon auf dem Weg dahin wird mir schnell klar – mit Fliegen wird das Nichts. Vorne am Abbruch, wo das Hochplateau aus Kalkstein zum Strand hin abfällt und diese wunderbare Kante formt, weht mit der Nordost die letzten Locken im Haar glatt. Also runter an den Strand – im geschützten Bereich vor dem Abhang möchte ich wenigstens etwas Frühgymnastik machen, Power-Groundhandling mit meinem Schirm. Immer wieder hebt es mich in in Böen vom Boden ab und ich muss Druck aus der Kappe nehmen und ihr mit dem Wind in Richtung des aufstrebenden Abhangs hinterherlaufen. Da genau will ich nicht hin, denn irgendwo dort wird plötzlich die Aufwindkomponente zu stark und aus der Turnerei am Boden wird ein Flug…. Nein Danke, nicht bei diesen Bedingungen!

Nur mühsam geht es gegen den Wind zurück Richtung Wasser – Sissy zieht und zerrt ziemlich kraftvoll an mir – und nach einer knappen halben Stunde geht mir die Kraft aus. Zeit für eine Pause in der wunderschönen Morgenstimmung am Meer.

Den Rest des Tages darf ich mal etwas tun, was ich länger nicht hatte: richtig schön faul sein! Im Windschutz in der Sonne sitzen, lesen, genießen… die Ausrüstung überprüfen sowie der Schubkarotte eine Reinigung und Inspektion gönnen.

Zum Mittagessen wird im Freestyle Modus Spargelrisotto gebrutzelt – gar nicht so einfach in einer Pfanne, deren Boden so gewölbt ist, dass er nur in der Mitte auf einem Hauch von Nix auf der Herdplatte aufliegt. Lecker ist es trotzdem!

Der Plan für die nächsten Tage

Ab Mitte der Woche wird sich die Großwetterlage ändern und ich werde es mit einem Tiefdruckgebiet über Südskandinavien zu tun bekommen. Ich will den vorhergesagten Westwind am Montagnachmittag und Dienstag nutzen um weiter nach Nordosten Richtung Løkken – einem sehr bekannten und viel beflogenen Gebiet – zu radeln.

Doch zunächst bin ich ja noch hier bei Hanstholm und gegen Abend will ich es dann doch noch ‘mal mit der Fliegerei probieren, allerdings mit gedämpfter Erwartung, denn die Bedingungen werden nicht einfach sein.

Kleines Special für die Gleitschirmflieger unter euch

Ein Blick auf die Windvorhersage zeigt, dass am späten Nachmittag der Wind am Boden zwar nachlassen wird, in den etwas höheren Luftschichten die Luftströmung aber wesentlich stärker und etwas mehr aus Richtung Osten kommt.

Vorhersage für den Wind an der Erdoberfläche für Sonntag 18.5. 17:00 Uhr. 23 km/h aus Nordost – das sieht schon sehr gut aus!
… Und der Wind in 600 m Höhe über dem Meer. Dort herrschen Windgeschwindigkeiten über 50 km/h. Irgendwo zwischen dem Boden und dieser Höhe wird es sehr ruppig zugehen in der bodennahen Atmosphäre.

Das sind die perfekten Zutaten für sehr böige und turbulente Windverhältnisse! – Wenn es überhaupt fliegt, wird es alles andere als ruhig sein in der Luft. Für diese Analysen nutze ich übrigens windy.com und sehe mir auch die unterschiedlichen dort verfügbaren Wettermodelle an.

Ich passe also den Flugplan an meine Einschätzung an:

  • Auf keinen Fall zu weit in die Höhe über das Geländeniveau tragen lassen – dort oben wird der Wind stark zunehmen und ich muss durch Windscherung mit ziemlich turbulenten Verhältnissen rechnen.
  • Gleichzeitig auch nicht zu dicht über dem Gelände fliegen, damit ich genügend Platz nach unten habe und mir Zeit bleibt zu reagieren, wenn ich in etwas unruhige Luft komme.

Noch vor 6 Uhr Abends starte ich über die Klippe hinaus in den Abendhimmel. Die Bedingungen sind zunächst wie erwartet etwas ruppig und Sissy arbeitet merklich in der turbulenten Luft. Und ich erlebe etwas, was ich in vielen vielen Flugstunden im laminaren Seewind an der Küste noch nicht ansatzweise so erlebt habe: Meine Sissy will tatsächlich kurzzeitig einen einseitigen Klapper fabrizieren – einen Flugzustand, in dem die Vorderkante des Flügels so ungünstig angeströmt wird, dass sie nach unten weg klappt. Das gilt es im Ansatz zu verhindern, insbesondere wenn man nicht viel Luft unter sich hat, denn das kann schnell ein dickes Aua geben. Meine Fliegerbekanntschaft Carsten hat mich zufällig in diesem Moment gefilmt, so dass das Ereignis als Bildmaterial zur Verfügung steht. Die Bildqualität ist zwar nur mäßig aber die Deformation des Schirms über mir ist trotzdem gut zu erkennen.

Ansätze eines einseitigen Klappers beim unbeschleunigten Flug in turbulenten Bedingungen im auflandigen Wind

Dieser Schnalzer in meiner Tragfläche war jetzt kein spektakuläres oder besonders gefährliches Ereignis und dennoch setze ich für mich hinter diese neue Erfahrung ein dickes Ausrufezeichen: Auch an der Küste können bei starken Windgradienten durchaus so starke Turbulenzen auftreten, dass es zu Störungen an meinem Gleitschirm kommen kann!!! Wie gut, dass mein Advance Sigma 9 trotz seiner Einstufung als C-Schirm bei Klappern im unbeschleunigten Flug recht unspektakulär reagiert. Nur wenig später zerlegt es den Schirm eines etwas mutigeren Piloten, der sich auf eine Flughöhe ca 100 m über mir wagt, komplett auf einer Seite. Zum Glück scheint es ein sehr erfahrener Pilot zu sein, der die Störung schnell in den Griff bekommt und seinen Flug fortsetzen kann.

Mit sinkendem Sonnenstand wird die Luft zunehmend ruhiger und wir können entspannte Airtime auch in luftigeren Höhen genießen.

Der etwas turbulente Ausklang des Abends bringt eine Planänderung

Schon an Nachmittag erreicht mich eine Kurznachricht von meiner lieben Frau Birgit: “Können wir heute Abend telefonieren?”

Ich kenn sie lange genug um zu wissen, dass zu Hause etwas vorgefallen sein muss. Und so ist es leider auch. Als wir Abends telefonieren erfahre ich, dass sich der Gesundheitszustand ihrer Mutter verschlechtert hat und sie im Krankenhaus aufgenommen werden musste. Sehr schnell haben wir gemeinsam entschieden, dass ich meine Reise unterbrechen und zurück nach Hamburg kommen werde.

“Leben ist das was passiert, während man gerade dabei ist andere Pläne zu machen”

So geht für mich dieser Tag zu Ende mit ersten Gedanken dazu, wie ich die Unterbrechung meines Abenteuers organisiere und wie die Rückreise nach Hamburg erfolgen könnte. Seit Beginn meiner Reise ist dies die erste Nacht, in der ich nicht gut schlafe.