Es wird Sommer

Es wird Sommer – die Wetterfrösche haben es angekündigt und heute früh fühlt es sich auch schon so an. Die Luftströmung dreht auf Ost bis Südost und bringt warme Luft bis hoch nach Jütland. Und das soll bis Sonntag, also 4 Tage lang so bleiben!

Der nächtliche Tau wird bald in der milden Luft verdampfen

Für mich bedeutet das, dass ich bei Hirtshals den nördlichen Wendepunkt meiner Reise erreicht habe. Ich möchte den warmen Südostwind der nächsten Tage für ein erstes Flugerlebnis an der Ostküste Nordjütlands nutzen. Dazu muss ich allerdings schon ein ganz schön weites Stück nach Süden radeln, denn hier oben im Norden bietet die Küste zum Kattegat keine ausreichend hohen Dünen oder Steilküsten für Gleitschirmflieger. Mein Ziel lautet daher Dokkedal, ein kleiner Ort am Kattegat südostlich von Aalborg.

Ein Frühstück- endlich ohne Daunenjacke – und dann schwing ich mich auf den Sattel der Schubkarotte. Nach wenigen Kilometern ist es dann soweit: Kurze-Hosen-Wetter! Seit den ersten beiden Tagen meiner Reise Anfang Mai gab’s das nicht mehr. Gemütlich geht’s fast genau nach Süden durch Nordjütland. Hier macht radeln einfach Spaß – abwechslungsreiche Landschaft, viele kleine Nebenstraßen und so gut wie kein Verkehr.

Bei der Gelegenheit kann ich mal berichten, wie ich meine Routenplanung und Navigation auf so einer Überlandetappe abseits der ausgeschilderten Fernradwege mache.

Ich gehöre noch zur Kategorie der Liebhaber von Papier-Landkarten: Eine große Karte ausbreiten, Übersicht verschaffen und verschiedene Routenvarianten im Kopf durchspielen, so hab ich das gerne. Hierfür nutze ich eine 1:150.000 Radwanderkarte. Steht die Route fest, werden die wichtigsten Streckenpunkte in mein Garmin GPS Gerät eingegeben, das ich dann während der Fahrt zur Navigation nutze. Wenn es nicht regnet, fährt die Papierkarte in Sichtweite oben auf dem Gepäck festgeklemmt mit. Für mich ist das ein sehr funktionales Setup.

Nach ca einem Drittel der Strecke treffe ich auf den Fernradweg Nr 3, den Hærvejen, dem ich weiter Richtung Süden folge.

Schon bald wird es aber ganz schön anstrengend – der Weg führt durch den wunderschönen aber auch ganz schön hügeligen Naturpark Jyske Ås.

Es wird hügeliger – aber das schockt einen Schwarzwälder nicht. Noch nicht🥵

Die höchsten Erhebungen sind immerhin über 100 m hoch, und da muss der Radweg natürlich drüber und nicht etwa aussen herum – und zwar auf Schotterpisten. Jetzt spür ich zum ersten Mal die Last des Gepäcks.

Das letzte Drittel der Tagesetappe ist dagegen bretteben und bringt sogar Bonuskilometer durch eine kurze Fahrt mit der Fähre Hals – Egense, die mich über den Langerak bringt.

Dann sind es nur noch wenige Kilometer bis Dokkedal.

Das Fliegerglück ist mit mir – der Wind steht hier gut auf den Dünen. Es würde fliegen! Aber nach knapp 110 km Strecke und kumuliert 500 Höhenmeter Anstieg bin ich zu müde.

Auch das gehört dazu: Nein zu sagen, wenn man sich mental oder physisch nicht fit genug fühlt für einen Flug. Sicher wären heute Abend ruhige Flugbedingungen und keine besonderen Herausforderungen zu erwarten – aber selbst dann muss man eben hellwach sein in der Luft. Das will ich heute nicht mehr. Morgen ist auch noch ein Tag.

Der Shelter, den ich heute Nacht nutzen kann, hat ein ganz besonderes Feature: der Zugang ist mit Schiebetüren verschließbar. Prima Idee, denn nun geht es los mit den Mücken – die sind wohl durch die Sommerwärme auch wach geworden, müssen aber heute Abend leider draußen bleiben.🚫🦟🦟🦟🚫